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Junge in Deutschland von Papageien mit Vogelgrippe infiziert

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Junge in Deutschland von Papageien mit Vogelgrippe infiziert

Autor: Achim StĂ¶ĂŸer | Datum:
Nicht wirklich, sondern Plot der (Krankenhaus?-)Serie In aller Freundschaft ... wer da einer Behandlung bedĂŒrfte, sind wohl eher die Programmverantwortlichen.

Achim

Re: Junge in Deutschland von Papageien mit Vogelgrippe infiziert

Autor: Achim StĂ¶ĂŸer | Datum:
Pressebericht dazu:

Zitat:
08. MĂ€rz 2006 VOGELGRIPPE IN DER ARD

GebĂŒhrenfinanzierte Panikmache

Von Christian Stöcker

"Ausnahmezustand" hieß die gestrige Folge der ARD-Krankenhausserie "In aller Freundschaft". Ein kleiner Junge erkrankt darin durch ein Vogelgrippe-Virus. Das Drehbuch des Quotenrenners war kaum mehr als eine Ansammlung von Fehlinformationen, die bei vielen Zuschauern fĂŒr Irritation sorgte.

Der MDR hat sich gestern Abend (ARD, 21.05) in seiner Krankenhausserie "In aller Freundschaft" des Themas "Vogelgrippe" angenommen. Die BundestierÀrztekammer hatte im Vorfeld Bedenken gegen die Folge angemeldet, die Verantwortlichen des Senders haben sich aber, nach nochmaliger Begutachtung, trotzdem entschieden, sie auszustrahlen. Man sei auch im Nachhinein der Meinung, "besonnen und professionell mit dem Thema umgegangen zu sein", sagte MDR-Sprecherin Birthe Gogarten SPIEGEL ONLINE. "Wir sind der Meinung, keine Panikmache betrieben zu haben."

Dramatische Pause, dann Fehlinformation am laufenden Band

In der Folge kommt ein kleiner Junge mit Fieber ins Krankenhaus. "Der Kleine fantasiert die ganze Zeit von Papageien", heißt es, dann macht der neue Klinikarzt Martin Stein eine dramatische Pause, blickt mit ernst-entschlossenem Gesicht auf - und fordert eine mikrobiologische Untersuchung an. Sein "schrecklicher Verdacht" (MDR) bestĂ€tigt sich natĂŒrlich, "Jonas hat die Vogelgrippe".


MDR / Krajewski
"Jonas" wird behandelt: "Keine Panikmache betrieben?"


Das Szenario ist hanebĂŒchen - der kleine Jonas hat sich durch die GitterstĂ€be eines KĂ€figs bei einem in der Zoohandlung erworbenen Papageien angesteckt. Ein einziger mit dem H5N1-Virus infizierter Papagei ist weltweit bislang entdeckt worden, bei ihm angesteckt hat sich niemand, und das wĂ€re selbst mit viel gutem Willen auch gar nicht möglich, ohne das Gefieder des Tiers zu verspeisen oder seinen Kot kleinzumahlen und zu inhalieren. Abgesehen davon, dass ein infizierter Papagei die Zoohandlung wohl kaum lebend erreicht hĂ€tte - EU-weit gilt nĂ€mlich eine 30-tĂ€gige QuarantĂ€ne fĂŒr importierte Vögel, sofern es sich nicht um GeflĂŒgel handelt.

Es kommt aber noch schlimmer in der - ĂŒbrigens auch sonst fĂŒr Faktentreue nicht eben berĂŒhmten - TV-"Sachsenklinik". TV-Professor Simonis tritt ernst vor die Fernsehserien-Presse (die seltsamerweise nur aus ein paar Lokalreportern mit Kugelschreiber besteht) und sagt "wie Sie wissen, ist die Übertragung von Mensch zu Mensch immer noch nicht ausgeschlossen." Diesen dramaturgischen Kunstgriff braucht es, damit der Heldenmut der Doktoren und Schwestern, die den kleinen Jonas und seinen TeddybĂ€r auf die Isolierstation begleiten, auch ausreichend deutlich wird. Draußen bangen die Verwandten.

Die verzweifelte Mutter - ein Muss

TatsĂ€chlich ist es genau umgekehrt: Das H5N1-Virus wird derzeit definitiv nicht von Mensch zu Mensch ĂŒbertragen, die ziemlich routinemĂ€ĂŸige Behandlung eines tatsĂ€chlich infizierten Menschen mit antiviralen Medikamenten wĂ€re, was das persönliche Risiko angeht, etwa ebenso heldenhaft wie die Betreuung eines Menschen mit einem Armbruch. Aber eine Mutter, die vor der GlastĂŒr mit der großen roten Aufschrift "Zutritt verboten" steht und in Todesverachtung um Einlass fleht, kann ein Krankenhausseriendrehbuch einfach nicht weglassen, wenn sich die Gelegenheit bietet.

So wird aus einer faktisch unmöglichen Ansteckung und einer gezielten Verdrehung der Tatsachen ein Szenario wie in Wolfgang Petersens Seuchen-Thriller "Outbreak". Zum GlĂŒck geht dann am Ende alles doch gut aus, Jonas wird wieder gesund, und der ebenfalls fiebrige Opa litt nur an einer "empathischen Reaktion", hat sich also gar nicht angesteckt. Professor Simonis darf mit einem GlĂ€schen Sekt in der Hand noch mal beruhigen: "Es ist ĂŒberhaupt noch nicht erwiesen, dass die Vogelgrippe von Mensch zu Mensch ĂŒbertragen werden kann." TatsĂ€chlich ist erwiesen, dass das nicht möglich ist, aber das klĂ€nge nicht so schön nach "puh, noch mal GlĂŒck gehabt".

SpÀte Schadensbegrenzung durch den Virologen

Der Virologe Christian Jassoy von der UniversitĂ€t Leipzig hatte folgerichtig im an die Sendung anschließenden Chat alle MĂŒhe, die geweckten Ängste wieder zu zerstreuen. Immer wieder wurde gefragt, ob sich die Vogelgrippe auf den Menschen ĂŒbertragen kann, ob sie fĂŒr Menschen "zwingend tödlich" ist, wie man "die Vogelgrippe von einer normalen Grippe unterscheiden kann". Der eine oder andere sorgte sich auch um Sittich oder Papagei im heimischen KĂ€fig - all das wĂ€re ĂŒberflĂŒssig gewesen, hĂ€tte man sich beim MDR an Fakten gehalten, statt das Thema emotional auszuschlachten. Da hilft auch eine vor und nach der Ausstrahlung eingeblendete Tafel mit dem Hinweis, dass es in Deutschland keine einzige H5N1-Infektion bei Menschen gibt, nichts.

Die Kunst hat keine Verpflichtung, sich an die Fakten zu halten. Sie darf, ebenso wie ihre kleine Schwester, die Unterhaltung, fabulieren, erfinden und verdrehen, wenn es der Sache dient. Das kann Schwierigkeiten verursachen - immer dann, wenn die Kunst sich der RealitÀt allzu sehr nÀhert, zum Beispiel bei der Darstellung historischer Ereignisse - aber das muss das Publikum aushalten.

Anders verhĂ€lt es sich, wenn ein StĂŒck Fiktion ein Thema behandelt, das Menschen aktuell in Sorge, womöglich in Angst versetzt. Ein Thema, bei dem es klare wissenschaftliche Fakten auf der einen Seite und ein diffuses, medial angeheiztes GefĂŒhl der Bedrohung auf der anderen Seite gibt. Nimmt sich Fiktion eines solch heißen Eisens an, darf man strengere MaßstĂ€be anlegen, weil die Gefahr einer nachtrĂ€glichen Uminterpretation des Gesehenen von Fiktion in Faktum beim Publikum besteht.

Die Vogelgrippe-Folge der Krankenhausserie sei schon im November gedreht worden, erklĂ€rt Birthe Gogarten vom MDR, und damals sei das alles noch sehr weit weg gewesen. Sachlich falsch jedoch war das Drehbuch auch damals schon. Der MDR hĂ€tte gut daran getan, auf die Ausstrahlung zu verzichten - aber bei einem Marktanteil von 19,3 Prozent werden sich die Verantwortlichen im Nachhinein wohl noch bestĂ€tigt fĂŒhlen. FĂŒr den Rest der Republik bleibt die bedauerliche Tatsache, dass ĂŒber sechseinhalb Millionen Menschen nicht nur ihre Zeit vergeudet haben, sondern fahrlĂ€ssig in die Irre gefĂŒhrt wurden. Ihre GebĂŒhren, Ihr Programm.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,404901,00.html


Achim

Re: Junge in Deutschland von Papageien mit Vogelgrippe infiziert

Autor: Achim StĂ¶ĂŸer | Datum:
Petra Putz vom ARD-Zuschauerdienst hat jedenfalls anscheinend Humor, einem(?) Zuschauer schrieb sie u.a. (meine Hervorhebung):

Zitat: Wir können Ihnen auch versichern, dass den Zuschauern von "In aller Freundschaft" seit acht Jahren bewusst ist, dass es sich hier um eine Unterhaltungsserie und nicht um eine Informationssendung handelt. Obwohl in praktisch jeder Folge Ă€rztliche Handlungen dargestellt werden, die im wirklichen Leben vermutlich zum Tode des Patienten oder zur KĂŒndigung des Personals fĂŒhren wĂŒrden, kommt es praktisch nie vor, dass sich Zuschauer ĂŒber den mangelnden Wahrheitsgehalt der Serie beschweren.


Übersieht aber wohl, daß wenn in der Lindenstraße eine Wohnung freu wird Leute dort einziehen wollen ...

Achim